
In den 1960er Jahren schrieb Elfriede Jelinek erste literarische Texte und machte sich auf die Suche nach Verbündeten und Weggefährt*innen auf diesem Terrain. Informationen und Adressen entnahm sie auch dem Wiener Telefonbuch, etwa jene der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, wo sie auf Otto Breicha, damals stellvertretender Leiter der Institution, traf.
Die Gesellschaft für Literatur ist mir, vor mehr als einem halben Jahrhundert, als einzige Institution erschienen, an die ich mich wenden konnte. (…) Von Otto Breicha, dem Türhüter vor dem Gesetz, also erwartete ich mir viel, ja, alles. Daß ich einen Fuß in die Tür der Literatur bekommen könnte, statt die Tür auf den Fuß geknallt zu kriegen, ob Otto Breicha von der Gesellschaft für Literatur finden würde, daß einen Wert besitze, was ich da geschrieben hatte. Bei diesen Sachen ist es so: Je mehr man hineinwill, desto weniger lassen einen die Türhüter. Otto Breicha hat dann aber gesagt, ich solle nur machen.
Elfriede, Jelinek: Ein Brief. In: ÖGfL (Hg.): »In guter literarischer Gesellschaft. 60 Jahre österreichische Gesellschaft für Literatur«. Wien: Edition Atelier, 2024, S. 108-112.
Erste Publikation in den ›protokolle‹
In der von Otto Breicha und Gerhard Fritsch herausgegebenen Zeitschrift ›protokolle. Zeitschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik‹, veröffentlichte die junge Schriftstellerin ihre »allererste Publikation« und zwar folgende fünf Gedichte: »Mourez parmi la voix terrible de l’amour!«, »Sweet sweet amaryllis«, »Des herbstnachts«, »Spiel mit großvater« und »Wettlauf«, die neben Zeichnungen von Maria Lassnig abgedruckt wurden.

Otto Breicha, Museumsleiter, Herausgeber und Fotograf, brachte nicht nur Veröffentlichungen von Jelineks Texten auf den Weg, sondern lud die Autorin auch auf die Bühne der Österreichischen Gesellschaft für Literatur ein. In der von ihm kurartierten Veranstaltungsreihe ›Profile der Gegenwart‹ traten Elfriede Jelinek und Gert F. Jonke gemeinsam am 13. Mai 1969 auf. Im Rahmen dieser Veranstaltung lernte Jelinek auch ihre »Lebensfreundin Elfriede Gerstl, die im Publikum saß«, kennen.
Breichas Stimme hatte im Bereich der Literaturförderung in den 1960er Jahren nicht zuletzt aufgrund seiner institutionellen Anbindung an die Österreichische Gesellschaft für Literatur Gewicht. Seine 1969 formulierte Einschätzung des schriftstellerischen Werks der Autorin, erwies sich als zukunftsweisend: »Unter den literarischen Twens ist das 22 Jahre junge Fräulein Jelinek eine der größten Begabungen.« (Otto Breicha an Hans Brunmayr, Brief vom 29. September 1969, ÖGfL-Archiv)
Das Zusammentreffen mit dem Kurator, Herausgeber und Kritiker Breicha war für Elfriede Jelinek jedenfalls ein zentraler Wendepunkt in ihrer Wahrnehmung und ihrer Laufbahn. So schließt Jelinek ihren Erinnerungstext folgendermaßen:
Ja. Ich bin von Otto Breicha in der Gesellschaft für Literatur entdeckt worden […]. Die Zeit hat einiges herbeigeführt, Otto Breicha hat das mit meinem Erwachen getan. Beeilen kann man sich mit sowas nicht, es nützt nichts, angefeuert oder vernichtet zu werden (im Schreiben), und all dies Angeherrsche oder Beschimpfe, all die Antreibereien, Er- und Entmutigungen nützen nichts, wenn der Betreffende (wie Walser sagt, meist ist es aber ein Betroffener, fürchte ich, und der will dann auch noch, daß diejenigen ebenfalls betroffen sind, die ihn lesen) sein Erwachen nicht selbst herbeiführt. Okay. Ich hatte Hilfe bei meinem, das gebe ich zu, sogar hier habe ich mir ja die eines ganz Großen gesucht.
Elfriede, Jelinek: Ein Brief. In: ÖGfL (Hg.): »In guter literarischer Gesellschaft. 60 Jahre österreichische Gesellschaft für Literatur«. Wien: Edition Atelier, 2024, S. 108-112.
Anlässlich des 60-jährigen Bestehens der ÖGfL nahm Elfriede Jelinek die Lesung ihres eigens für den Anlass verfassten Texts »Ein Brief« per Video auf.
Hier findet sich der Text »Ein Brief« als Volltext.