Im Rahmen von Daniela Strigls Reihe ›Tacheles‹ stellte Kathrin Röggla am Dienstag, 20. Oktober 2026 ihren neuen Essay-Band »Nichts sagen. Nichts hören. Nichts sehen.« (S. Fischer, 2025) vor, zudem las sie aus Auszügen aus dem Manuskript ihres neuen Romans »Das amerikanische Jahrhundert«. Letzter wird im Frühjahr im Verbrecher Verlag erscheinen.
Daniela Strigl wählte für die Abendveranstaltung den verheißungsvollen Titel ›Links, wo das Kunstherz schlägt oder Die Alarmbereite: Kathrin Röggla‹ und sprach mit der schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden österreichischen Autorin über Realismus und Wirklichkeit, Fiktion und dokumentarisches Schreiben, die Rolle der KI in Kunst und Wissenschaft sowie über den Aspekt der Justiz in Rögglas Werk.
Kathrin Röggla führt aus, dass sie selbst dank eines Projekts mit Milo Rau Interesse an der Justiz und dem Rechtsstaat entwickelt habe. Nach dem Projekt mit Rau besuchte sie regelmäßig Gerichtsverfahren, insbesondere beschäftigte sie sich mit dem NSU-Prozess in München. Die Ergebnisse dieser Recherchen verarbeitete die Autorin in »Laufendes Verfahren« (2023), ein Roman, der auch die Rollen und Spielregeln vor Gericht in den Fokus rückt. Die Dimension der Gewaltbereitschaft der rechtsradikalen Szene habe sie nach ihren Recherchen und Besuchen vor Gericht entsetzt.
Albert Drach als spannender Autor am Terrain der Judikatur
Daniela Strigl interessierte sich insbesondere für die literarischen Vorbilder in Hinblick auf die Auseinandersetzung mit Wahrheitsfindung vor Gericht. In diesem Zusammenhang verwies Kathrin Röggla auf Albert Drach, der die komplexen Vorgänge vor Gericht darzustellen vermochte. So heißt es in »Nichts sagen. Nichts hören. Nichts sehen«:
Bei Albert Drach ist nichts klar, er macht genau diese Zurichtungsversuche kenntlich, er ist niemals einfach rechtspositivistisch, auch wenn er das Terrain der Rechtsprechung in diesen Büchern niemals verlassen würde. Er überschreibt den Protokollstil und lässt ihn doch im Text unverkennbar, und das tut er in gefühlt langen Sätzen, die stets nüchterne Faktensprache ausstreichend.
(Nichts sagen. Nichts hören. Nichts sehen, S. 48-49)
Abschließend unterhielten sich Daniela Strigl und Kathrin Röggla über die Vorzüge Kölns, wo Röggla seit einiger Zeit wohnt, und die Autorin verwies auf einen neuen Roman, der im Herbst 2027 erscheinen soll. In diesem werden die Jugendlichen aus dem Theaterstück »Kein Plan (Kafaks Handy)« zu Romanfiguren.
Im Vorfeld des Abends absolvierte die aus Köln angereiste Autorin zudem eine Diskussion mit Studierenden des Instituts für Germanistik der Universität Wien. Diese befragten Kathrin Röggla auch zu ihren früheren Werken, etwa zu »wir schlafen nicht« (2004). Die Diskussion kreiste um viele aktuelle Themen, wie etwa um die Auswirkungen der Cancel Culture in der Gegenwart. Kathrin Röggla beantwortete alle Fragen gewissenhaft und mit großem Interesse, sowohl jene der Studierenden als auch jene von Daniela Strigl.
Abschließend noch ein Hinweis: Die nächste Ausgabe von ›Tacheles‹ wird am Dienstag, 19. Jänner 2027, 19 Uhr mit dem schweizerischen Autor, Kritiker, Musiker und Germanisten Thomas Strässle stattfinden.
Begrüßung: Ursula Ebel
Moderation: Daniela Strigl
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 20. Oktober 2026