Am Mittwoch durften wir die ukrainische Autorin Halyna Kruk bei uns in der Literaturgesellschaft begrüßen. Sie ist Lyrikerin, Übersetzerin und Professorin für Literaturwissenschaften an der Universität von Lwiw. Im Fokus des Abends stand ihr in deutscher Übersetzung neu erschienener Lyrikband »Crashkurs in Molotowcocktails. Gedichte.« (erschienen bei edition fotoTAPETA). Stefaniya Ptashnyk, die ebenso Dolmetscherin des gestrigen Gesprächs war, übersetzte und stellte gemeinsam mit Claudia Dathe eben diesen Band zusammen. Der Abend wurde von Cornelius Hell moderiert und fand im Rahmen unserer Reihe »Gläserner Vorhang« statt.
Zu Beginn der Veranstaltung verwies Cornelius Hell auf die breite Rezeption der Texte von Halyna Kruk, die insbesonders seit dem Krieg in der Ukraine weiter zugenommen hat. Kruks Gedichte richten den Blick auf die Vielschichtigkeit von Krieg und seinen (Nicht-)Diskurs in den westeuropäischen Ländern. So schreibt Halyna Kruk in einem ihrer Gedichte: »Der Krieg passte nicht zum Rest der Welt, wie die Verstümmelung zum Abendkleid. Zu schwer der Blick, zu scharf die Rede, zu brutal die Details.«
Die Autorin sprach darüber, wie sie auf ihren Reisen die Diskrepanz der Perspektiven und Lebenswelten wahrnimmt, denn sie betrauere die persönlichen Opfer des Krieges wie auch den Verlust eines Teils der materiellen Kultur der Ukraine: »Diese große Leere, die ich für die Zukunft sehe ist die größte Herausforderung für mein persönliches Erleben und kulturelles Empfinden.«
Das Gespräch handelte ebenso von der Absurdität der Gleichzeitigkeit, davon wie hunderttausende junge Erwachsene auf einem Festival tanzen, während Menschen im selben Alter zeitgleich an der Front sterben. Halyna Kruk erklärte, dass gerade dieses »Über-setzen der Sprache des Geschehens im Krieg in die Sprache der friedlichen Welt« die größte Schwierigkeit ihres Schaffensprozesses sei. Die Unvermittelbarkeit von Erlebtem sei ein Grundthema von Kruks Poesie, so Cornelius Hell. Die Autorin betonte, dass sie sich nicht als Botschafterin dieser Erfahrungen sehe, sondern, dass es vielmehr das Potential des Gedichts sei, das konkrete Einzelgeschehen auf die Allgemeinheit zu übertragen.
»Poesie ist das Mittel, mit dem wir langfristige Ziele erreichen wollen, es geht nicht um das Töten, es geht nicht nur um das Benennen, sondern ich finde die Lyrik vermag es Persönlichkeiten zu erziehen, die selbst nicht töten. Darin habe ich die Aufgabe der Lyrik gesehen.«
Halyna Kruk
Die Entfaltung dieses Potenzials wurde gestern Abend hör- und spürbar: beim Lesen von Halyna Kruks Gedichten, vorgetragen von der Autorin selbst auf Ukrainisch und von Stefaniya Ptashnyk in der Deutschen Übersetzung. Letztere sieht in der Übersetzung von Halyna Kruks Poesie nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine emotionale Aufgabe: die Vermittlung von Erfahrung über Sprach- und Landesgrenzen hinaus.
Der Band »Crashkurs in Molotowcocktails. Gedichte.« ist eine Zusammenstellung von ausgewählten Texten der Autorin, übersetzt und herausgegeben von Stefaniya Ptashnyk und Claudia Dathe. Ptashnyk arbeitet an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und unterrichtet an der Universität in Wien und Heidelberg. Gemeinsam mit Claudia Dathe hat sie in engem Austausch mit der Autorin die vielschichtige und sprachlich offene Lyrik übersetzt. Dabei entstanden oftmals mehrere Übersetzungsvarianten der ukrainischen Gedichte, was den Perspektivreichtum von Halyna Kruks Poesie unterstreicht und das komplexe Thema Krieg abbildet.
Moderation und Gespräch: Cornelius Hell
Dolmetsch: Stefaniya Ptashnyk
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 18. Februar 2026
In Kooperation mit dem IWM, dem OeAD-Kooperationsbüro Lemberg und dem Ukraine Office Austria