Gestern Abend war bei der 36. Ausgabe von Brigitte Schwens-Harrants Werkstattgesprächsreihe ›Werk.Gänge‹ die Schriftstellerin und aktuelle ›Boccaccio.cc‹-Preisträgerin Monika Helfer zu Gast. Im Fokus des Gesprächs standen ihre Romane »Oskar und Lilli« (1994) und »Schau mich an, wenn ich mit dir rede!« (2017) sowie der Erzählband »Wie die Welt weiterging. Geschichten für jeden Tag« (2024).
Wie Brigitte Schwens-Harrant eingangs feststellte, zieht der empathische Blick auf Kinder sich durch das gesamte Werk von Monika Helfer. In »Oskar und Lilli« werden die beiden Geschwister, zu diesem Zeitpunkt sieben und neun Jahre alt, zu unterschiedlichen Pflegefamilien gebracht und meistern diese schwierige Situation mit einer enormen Stärke und Kraft. Darauf angesprochen, verwies Monika Helfer auf den Tod ihrer eigenen Mutter, nach dem ihre Geschwister und sie in beengtem Raum bei der Tante untergebracht worden seien: »Ich weiß es ja auch nur von mir, als unsere Mutter gestorben ist, sind wir zäh geworden. Man lässt sich nicht unterkriegen.« Häufig haben Kinder in den Büchern von Monika Helfer einen klügeren Blick auf die Welt als die Erwachsenen, denn sie seien, so Monika Helfer, »nicht abgelenkt durch unsinniges Zeug. Sie sind konzentriert auf das Leben, das sie führen.«
Ausgangspunkt des Romans »Schau mich an, wenn ich mit dir rede!« ist eine Alltagsszene zwischen einer Mutter und einem Kind, die Monika Helfer selbst in der U-Bahn beobachtet hat. Auch die Ich-Perspektive im Roman nimmt das Gespräch, das durchaus als Gewaltakt bezeichnet werden kann, beobachtend wahr und entspinnt daraus in weiterer Folge selbst eine Geschichte.
»Ich finde es interessant, zu beschreiben, was ich sehe oder höre. Es könnte auch ein anderes Mileu sein als die Familie, man könnte auch über reiche Leute traurige Geschichten schreiben. Es ist ja nicht festgeschrieben, wo das Unglück liegt, das kann ja überall sein. Und auch das Glück könnte überall sein.«
Das Beobachtete werde also, wie Brigitte Schwens-Harrant betonte, in Literatur umgesetzt und durch die Erfindung geformt. Reines Erfinden von Anfang bis zum Schluss sei, so Monika Helfer, nicht ihres:
»Für mich wäre es ein Problem, wenn alles möglich ist. Würde ich Science-Fiction schreiben, würde ich irgendwo steckenbleiben, weil ich dann denke, das ist ja alles so beliebig. Da kann ja alles passieren. Und es kann nicht alles passieren in meinem Kopf.«
Eine Form, die Monika Helfer besonders möge, auch als Leserin, sei die Shortstory, weil sie erlaube, selbst weiter zu denken. Auch als Autorin reizen sie die ganz kurzen Texte, weil sie es spannend finde, etwas auf den Punkt zu bringen: »Da ist eine Szene und ich weiß, ich muss unheimlich konzentriert arbeiten, dass sie glaubwürdig ist, dass die Personen nachvollziehbar sind und dass es nicht ausufert.« Ausgangspunkt, etwa bei den Geschichten des Erzählbands »Wie die Welt weiterging«, seien meistens Beobachtungen, aber auch der Titel, der sich oft als Erstes in ihrem Kopf manifestiere.
Moderation und Gespräch: Brigitte Schwens-Harrant
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 10. Februar 2026
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Monika Helfer und Brigitte Schwens-Harrant © ÖGfL -
Monika Helfer © ÖGfL -
Brigitte Schwens-Harrant © ÖGfL -
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Monika Helfer © ÖGfL