gefunden von Johanna Peimpolt im Rahmen ihres Praktikums in der ÖGfL
»Ihre Arbeiten gehören ganz und gar zum österreichischen Umkreis, und wir würden diese Zugehörigkeit von uns aus sehr gern nachdrücklich dokumentieren.«
Wolfgang Kraus an Gregor von Rezzori 1967, ÖGfL-Archiv
Mit diesen Zeilen wendet sich Wolfgang Kraus, der ehemalige Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Literatur 1967 an den Autor, Drehbuchautor und Schauspieler Gregor von Rezzori. Dieser Brief, den ich im Archiv gefunden habe, ist der Start einer langjährigen Korrespondenz, die Wolfgang Kraus mit dem Autor führte und in welcher er über achtzehn Jahre hinweg versuchte, Gregor von Rezzori zu einer Lesung in Wien zu bewegen.
Mit dem Jahr 1979 wurde dies dann spruchreif und der in Italien ansässige Autor reiste nach Wien, um im Großen Saal des Palais Pálffy zu lesen. Jener Besuch sollte nicht sein letzter öffentlicher Auftritt in Wien sein, so lud die Literaturgesellschaft im Jahr darauf zu einem zweiten Autorenabend mit Gregor von Rezzori ein. Im Archiv der Österreichischen Mediathek ist eine Aufzeichnung dieser Veranstaltung des 22. Aprils 1980 zu finden. (Link Mediathek)
Aus seinen Romanen »Memoiren eines Antisemiten« (1979) und »Der Tod meines Bruders Abel« (1976) las Gregor von Rezzori jeweils eine Stelle vor, die die Nacht des 11. März 1938 zum Thema hatte. Dazu meinte der Autor:
»Jeder von uns schreibt aus autobiografischen Elementen, aber die größten Teile und Einzelheiten dieser Geschichte sind erfunden, nicht allerdings Einzelheiten dieser Nacht des Umbruchs in Wien und um Ihnen zu zeigen, wie sehr mich das beschäftigt hat durch alle diese Jahre hindurch, wie sehr mich Wien beschäftigt, was meine eigentliche Heimatstadt ist.«
Sechs Tage nach der Lesung erhielt Wolfgang Kraus einen Brief aus dem Publikum, der ebenfalls im ÖGfL-Archiv aufzufinden ist. Darin beschwerte sich ein Besucher darüber, dass er »funkelnden Humor, sprühenden Witz und Geist« erwartet, jedoch einen »Griesgram« angetroffen hätte. Er schreibt:
»Was immer der Grund für seine angedeutete Animosität gegenüber Wien, oder die Wiener gewesen sein mag, wir fühlten uns unschuldig auf das Unhöflichste vor den Kopf gestoßen«.
Brief 1980, ÖGfL-Archiv
Besonders interessant finde ich an diesem Schreiben das implizite Bild, das der Besucher an den Autor heranträgt und seine enttäuschte Erwartungshaltung, als die Lesung mit diesem Bild bricht. Der Aspekt des »vor den Kopf gestoßen«-Seins aufgrund des Inhalts der Lesung ist besonders im Kontext der Nachkriegszeit spannend. Aber machen Sie sich selbst ein Bild davon und hören Sie in die Aufzeichnung der Österreichischen Mediathek hinein. (Link)
Erwähnenswert ist das Jahr 1980 in diesem Beitrag nicht nur, weil der Autor zu diesem Zeitpunkt in Wien las, sondern ebenso, weil er im Juli desselben Jahres einen Brief zur Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft verfasste. Gregor von Rezzori wurde 1914 in Czernowitz in eine adelige Familie aus Sizilien geboren. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie erhielt er die rumänische Staatsbürgerschaft, bis er 1940 nach der Übernahme der Stadt staatenlos wurde und dies auch vierzig Jahre lang blieb. In den 80er-Jahren verschickte von Rezzori dann besagten Brief mit dem Wunsch, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten.
Wolfgang Kraus leitete das damalige Schreiben und das Anliegen Gregor von Rezzoris am 09. Juli 1980 an den damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky weiter. Im Begleitbrief schrieb Kraus:
»Ich möchte seine [von Rezzoris] Bitte herzlichst unterstützen und bestätigen, daß seine Zugehörigkeit zu Österreich, wenn diese auch staatsbürgerlich bekräftigt würde, für unser Land von Nutzen sein kann.«
Wolfgang Kraus an Bruno Kreisky 1980, ÖGfL-Archiv
Eine Zugehörigkeit, für die sich Kraus bereits 1967 in den oben erwähnten Zeilen ausgesprochen hatte und die im Jahr 1985 offiziell wurde, als Gregor von Rezzori österreichischer Staatsbürger wurde.
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Brief 1967 ©ÖGfL-Archiv -
Brief von Gast 1980 ©ÖGfL-Archiv -
Brief an Kreisky 1980 ©ÖGfL-Archiv