Bei der 37. Ausgabe von Brigitte Schwens-Harrants Werkstattgesprächsreihe ›Werk.Gänge‹ war gestern Abend der Schriftsteller Erwin Einzinger zu Gast. Der Fokus lag dabei auf drei Büchern aus verschiedenen Jahrzehnten, um eine Annäherung an den schriftstellerischen Werdegang des Autors nachzuzeichnen. Sie sprachen dabei über »Kopfschmuck für Mansfield« (Residenz, 1985), »Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik« (Residenz, 2005) sowie über die Prosasammlung »Ein Rucksack voller Steigeisen« (Jung und Jung, 2023).
Erwin Einzinger, der, wie er selbst sagt, neuere amerikanische Literatur verehrt, hat Anglistik und Germanistik studiert, ehe er sich an seine ersten Übersetzungen aus dem Englischen wagte. Zu seinen literarischen Vorbildern zählen Autor*innen aus der New York Poet Szene und die sogenannten Beat Poets aus dem Raum San Francisco. Auch »alles mögliche« aus der deutschsprachigen Literatur und viele Texte seiner prominenten Kolleg*innen inspierten ihn. Sein Buch »Kopfschmuck für Mansfield« stellt seinen ersten Romanversuch dar, der auf seinen ursprünglichen Schwerpunkt der Lyrik folgte. Katherine Mansfields Tagebuchaufzeichnungen und Reflexionen über den Prozess des Schreibens führten ihn dazu, Mansfields Erlebtes weiterzuspinnen und fiktional zu ergänzen. Brigitte Schwens-Harrant vermutet in diesen ersten Schriften einen Grundstein Einzingers individueller Art zu schreiben – seine eigene Version des Roman-Genres gefunden zu haben, was der Autor auch nicht ablehnte. Figuren tauchen auf, Fakten werden narrativ erweitert und schon verlässt uns die Figur wieder. Retrospektiv ist er in Hinblick auf dieses Buch positiv überrascht, was er »damals in den 80er-Jahren« so zu schreiben vermochte.
Kürzest-Erzählungen, die nach und nach, fließend, einen Roman ergeben.
20 Jahre nach seinem ersten Roman-Projekt erscheint 2005 das Buch »Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik«. Einzinger beschreibt es als »Kaleidoskop unteschiedlicher Texte, die etwas Lexikalisches an sich haben« und sich ausschließlich um Musik und ihre Schaffer*innen drehen. Nicht immer entspricht es inhaltlich der Wahrheit. Manche Fakten hat Einzinger auch erfunden, wenngleich seine analoge Sammlung an Quellen enorm zu sein scheint. Wieder taucht die Frage der Form auf. Wie der Autor erzählt, hat er »manisch« daran festgehalten, beim Abfassen jeden Text genau auf einer Seite seines Notizbuches entfalten zu lassen. Dass sich diese Absicht im abgedruckten Endergbnis nicht mehr wiedererkennen lässt, stört ihn wenig. Er empfiehlt das Buch nicht durchzuackern, sondern sich an der Vielfalt zu erfreuen. Das gilt übrigens für vieles von dem, was er schreibt.
Wiederholt stellt Einzinger klar, dass er es schlichtweg nicht könne, einen üblichen Roman zu verfassen. Er bewundere alle, die es schaffen, etwas Großes ordnen und erzählen zu können. Bei einem Thema bleiben zu können. Das widerspricht seinem Naturell, was auch in seiner sympathischen Art zu sprechen wiederzuerkennen ist. Schwens-Harrant erkennt die Besonderheit in diesem Denk- und Arbeitsmuster: Durch die verschiedenen Einzeltsücke entsteht insgesamt etwas Neues und Anderes, das man nicht wirklich festhalten kann, so wie es oft auch im Leben ist und betont die Wichtigkeit solcher Formen von Literatur.
Den Abschluss bildet die Besprechung einer seiner jüngeren Erscheinungen: die Prosasammlung »Ein Rucksack voller Steigeisen« aus dem Jahr 2023. Die Berge und das Bergsteigen prägen seine Kindheit und Jugend. Hier werden sowohl regionale als auch weltläufige Themen behandelt – wieder in Einzelgeschichten, mal länger, mal kürzer. Die Idee zum Buch stammte von persönlichen Erlebnissen, etwa ein naher Bekannter der beim Bergsteigen am selben Tag verunglückte, an dem sein Sohn zur Welt kam. Oder das Begräbnis seines beim Bergsteigen verunglückten Nachbars, dessen Sarg infolge mit Steigeisen drapiert wurde.
Gesrpäch & Moderation: Brigitte Schwens-Harrant
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 14. Oktober 2026