Susan Neiman: Jean Améry, Aufklärer
Die US-amerikanisch-deutsch-israelische Philosophin Susan Neiman hielt gestern Abend einen Vortrag zu Jean Amérys Verständnis der Aufklärung und reflektierte darüber, welche Bedeutung dieses für unsere gegenwärtige Politik und Kultur hat. Ihr neuestes, erst kürzlich erschienenes Buch mit dem Titel »Nennen wir es böse. Die Politik unserer Zeit verstehen« verhandelt die aktuelle Krise der Demokratie und den Aufstieg von Politikern wie Donald Trump.
Im Rahmen des Vortrags wird deutlich, dass Améry in Neimans Leben eine Konstante bildet. Seit mehr als drei Jahrzehnten stellt der Philosoph ein Leitbild für sie dar und ebenso lang setzt sie sich für seine Implementierung in den philosophischen Kanon ein. Sie versteht die Beziehung der subjektiven Erfahrung zu einer Welt, der die bzw. der Einzelne gleichgültig ist, als die zentrale philosophische Frage in Amérys Werk. Wie er diese Frage beantwortet, unterscheidet ihn allerdings von seinen Zeitgenossen: Er tritt nicht metaphysisch an sie heran, sondern durch radikale Selbstuntersuchung und Kritik. Sein Leben wurde geprägt durch Exilfolter, Auschwitz und Heimatlosigkeit. Erfahrungen, die von seiner besonderen, reflektierten Belesenheit begleitet wurden.
Die Wiedergeburt des Nihilismus stellt für Améry die schlimmste Bedrohung des 20. Jahrhunderts dar. Er sieht die Aufklärung als unser wichtigstes Mittel, dagegen anzukämpfen. Neiman sieht in Améry einen Moralisten und keinen Metaphysiker. Aber ein Moralist, der genau zu verstehen wusste, wie Metaphysik und Epistemologie die Moral bedingen bzw. verhindern. Was Améry beunruhigte, waren nicht etwa das Sein oder das Nichts, Gott oder die Abwesenheit dessen, sondern die Gesellschaft. Sie ist es, die eine »existenzielle Gleichgewichtszerstörung« verursacht, gegen die er anzukämpfen versuchte. »Während der Begriff ›konkret‹ in unserem Vokabular ein Schlüsselwort war, wurden wir mit jedem Tag abstrakter« – so eine Aussage von Améry, die Susan Neiman einerseits als einen Angriff auf die Philosophie aus ethischen Gründen versteht, darin aber andererseits auch ein »Echo aus Verzweiflung« heraus hört.
Neiman betont, dass kein anderer Autor es so deutlich zu zeigen vermag, dass »die Sinnstiftung durch die Konfrontation der Vernunft mit der Wirklichkeit« spätestens seit Auschwitz scheitern muss. Mehrdeutigkeit und die dadurch emöglichte Selbstkritik seien es, die einen Diskurs zwischen Dogmatismus und Nihilismus erlauben. Susan Neiman konstatiert, dass »nur indem man die Kraft-konkurrierenden Ansprüche anerkennt und sich zwischen ihnen bewegt, die Vernunft am Leben erhalten werden kann.«
Begrüßung im Namen der Internationalen Jean Améry-Gesellschaft: Robert Menasse
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 15. Oktober 2026
Gemeinsam mit der Internationalen Jean Améry-Gesellschaft