
Schon zum siebten Mal jährte sich letzte Woche das von Ludger Hagedorn kuratierte Vienna Meets Prague-Festival, das, dieses Mal vom Juni in den April gerückt, von 22. bis 25.4. 2026 an unterschiedlichen Locations in Wien stattfand. Der Freitagabend bot im Kunstzentrum Depot – Kunst und Diskussion im 7. Bezirk zwei Programmpunkte, in denen anhand von Performances die Verbindung von Lyrik, Text und Klang erlebbar gemacht wurde.
Im ersten Teil des Abends präsentierte die tschechische Dichterin und Künstlerin Anna Luňáková ihr noch unpubliziertes Langgedicht »City Amalgam« in einer zweisprachigen Lesung gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Julia Miesenböck, untermalt und begleitet von Musik und Sound von Jakub Štourač.
Wie Moderator Manfred Müller einleitend feststellte, handele es sich bei »City Amalgam« um eine in Tschechien populäre lyrische Form, die eine lange Tradition habe, hierzulande aber exotisch sei: das sogenannte ›Zonengedicht‹, das sich durch rhytmische Assoziation auszeichne. Indem das Leben auf eine bestimmt Art dargestellt werde, mal lustvoll, mal frustriert, die Zukunft und die Vergangenheit aber nur den Rahmen bilden, um die Gegenwart zu betonen, feiere und zelebriere das Langgedicht die Gegenwärtigkeit auf fast barocke Weise.
»Wir werden ein Leben haben, uns ist egal, dass der Himmel brennt.«
Aus: »City Amalgam«, in der Übersetzung von Julia Miesenböck
Spannend ist, dass »City Amalgam« aus zwei fundamental unterschiedlichen Teilen besteht: Während »Stadt aus Glas« in der Wir-Form gehalten ist – und damit, wie Anna Luňáková im Gespräch erklärte, mehrere »Ichs« vereine, etwa das 12jährige Ich, das 5jährige Ich, das 30jährige Ich, aber auch das spätere Ich – spricht im zweiten Teil »Hör zu« ein Ich ein Du an, womit immer auch die Leser*in gemeint sei. Es gehe ihr, so die Autorin, in dem Gedicht, das auch als Art Manifest gelesen werden könne, darum, »ein Rauschen, einen unerträglichen Klang, eine Art Tinitus im Ohr« darzustellen – »das Leben, das wir leben müssen.«
Die deutsche Übersetzung von »City Amalgam« wurde von Julia Miesenböck extra für die Veranstaltung angefertigt und teilweise sogar während der Proben nochmal umgearbeitet. Wie sie im Gespräch mit Manfred Müller erzählte, seien bei der komplexen assoziativen lyrischen Form vor allem die vielen Verschachtelungen des Tschechischen und die verschiedenen Bedeutungsebenen eine Herausforderung gewesen; bei der Übersetzung habe sie sich »vom Text tragen lassen.«
Lesung: Anna Luňáková, Julia Miesenböck
Dolmetsch: Julia Miesenböck
Sound: Jakub Štourač
Moderation: Manfred Müller
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Julia Miesenböck und Anna Luňáková © ÖGfL -
Ludger Hagedorn © ÖGfL -
Manfred Müller © ÖGfL -
Jakub Štourač © ÖGfL -
Anna Luňáková, Jakub Štourač © ÖGfL -
Julia Miesenböck und Anna Luňáková © ÖGfL -
Julia Miesenböck, Anna Luňáková, Jakub Štourač, Manfred Müller © ÖGfL
Im zweiten Teil des Abends gehörte die Bühne Pavel Novotný, Jaromír Typlt und ihrer Performance von Kurt Schwitters »Ursonate«. Diese ist ein Lautgedicht, komponiert in den Sätzen einer Sonate, und gilt als eines der bedeutendsten dadaistischen Werke. Novotný und Typlt, die aus dem Lautgedicht ein Stück für zwei Stimmen entwickelt haben und seit 20 Jahren damit herumtouren, traten im Rahmen des Vienna Meets Prague-Festivals erstmals in Wien auf.
Performance: Pavel Novotný, Jaromír Typlt
Depot, 24. April 2026
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Pavel Novotný und Jaromír Typlt © ÖGfL -
Jaromír Typlt und Pavel Novotný © ÖGfL -
Pavel Novotný und Jaromír Typlt © ÖGfL