Gestern begrüßte Semier Insayif schon zum sechsten Mal zwei Dichter*innen im Rahmen der Reihe ›VERSsprechen‹ in der Literaturgesellschaft. An einem Abend, der dem Thema ›Poesie und/als Behausung‹ gewidmet war, präsentierten Lorena Pircher und Angelika Rainer ihre neuesten Gedichtbände. Beide Lyrikbände ermöglichen es, so Insayif, verschiedenste Verbindungslinien zu ziehen – vor allem Verbindungslinien motivischer Art, nämlich Behausungen.
Die Musikerin und Dichterin Angelika Rainer stellte ihren Band »Zweckbau für Ziegen« (Haymon) vor. Sie erzählte, dass sie als Musikerin vom Schreiben lerne und umgekehrt, da gebe es »Bewegung – ein ständiges Hin und Her.« Auch betonte sie, dass es in beiden künstlerischen Bereichen wichtig sei, auf die anderen zu hören: Wenn alles zusammenspiele, komme alles zu einem Klang. Dieses Erzählenwollen mit dem Instrument, dieses Sprechenwollen – ihre Gedichte stehen in enger Verbindung mit der Musik. Und doch: Das Musikalische in der Sprache sei nicht einfach gegeben. Wie die Autorin hervorhob, sei Sprache nicht gleich Musik. Gerade in dieser Spannung entstehe etwas Eigenes.
Im Anschluss präsentierte die Autorin und Übersetzerin Lorena Pircher ihren Lyrikband »eure Stimmen eure Sprachen« (edition exil). Sie begann mit der Frage nach Sprache – und mit ihrer eigenen sprachlichen Herkunft: Südtiroler Dialekt, Standarddeutsch, Italienisch und Französisch. Sie erwähnte, wie schwierig es für sie gewesen sei, eine Sprache zu finden, die sich wirklich nach ihrer eigenen anfühle. Diese Suche durchzieht ihre Texte spürbar.
Ein Abend also, an dem Behausungen nicht nur gebaut, sondern auch befragt wurden: sprachlich, klanglich, erinnernd.
»Welche Architektur bietet ein Gedicht, eine Strophe, eine Verszeile, ein Wort, um ein Zuhause sein zu können.«
Semier Insayif
Begrüßung: Ines Scholz
Moderation: Semier Insayif
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 23. April 2026