Der gestrige Abend stellte zwei neue Bücher in den Mittelpunkt, die sich sehr aktuellen und wichtigen Themen widmen, die gesellschaftlich dennoch oft nur peripher gesehen werden: Krankenpflege, Neurodivergenz, ADHS und Burnout.
Zdenka Becker stellte ihren Roman »Tanzen im Kopf« (Amalthea) vor und Cornelia Travnicek präsentierte ihren neuen Roman »Ich erzähle von meinen Beinen« (Picus).
Die in der Slowakei aufgewachsene, bereits seit Mitte der 70er-Jahre in Niederösterreich lebende Zdenka Becker erzählt in ihrer Geschichte »Tanzen im Kopf« von der ebenfalls aus der Slowakei stammenden Krankenpflegerin Mara, die nach Österreich kommt, um sich um die an ALS erkrankte Elvira zu kümmern. Elvira ist Ende 40, als Tänzerin und Choreografin war sie stets auf Bühnen unterwegs. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erhält sie die schwere Diagnose ALS, eine bisher unheilbare Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu fortschreitender Muskelschwäche führt. Als Mara auf Elvira trifft, befindet sich die Krankheit bereits in einem sehr fortgeschrittenen Stadium, Elvira kann sich kaum mehr bewegen, nicht mehr sprechen und nur mehr erschwert schlucken.
Zdenka Becker thematisiert nicht nur die Nervenkrankheit ALS selbst, sondern vielmehr, wie Betroffene und Angehörige mit einer solchen Diagnose umgehen. Ebenso spricht sie Arbeitsbedingungen von Pflegekräften und Heimhelfer*innen an, Schwierigkeiten und Schuldgefühle, die mit der Arbeit im Ausland, entfernt von der eigenen Familie, einhergehen können, Auswirkungen von Corona. Gleichzeitig wird aber auch das für sich selbst Einstehen und der Mut für einen Neuanfang thematisiert.
Der Fokus der Geschichte bleibt dabei stets auf Mara, lediglich in einem kurzen Abschnitt gegen Ende des Romans taucht man als Leser*in direkt in die Gedankenwelt Elviras ein.
Im Gespräch mit Ines Scholz berichtete Zdenka Becker von der Entstehung des Romans, denn sie selbst begleitete viele Jahre lang eine an ALS erkrankte Freundin und machte dabei Erfahrungen mit Krankenpflegerinnen. Sie erzählte u.a. von der Bedeutung des Erzählens im Roman, den Schwierigkeiten im Umgang mit schwer erkrankten Personen und der Wichtigkeit, ihre Würde zu bewahren sowie warum für Mara die Arbeit in Österreich auch eine gewisse Freiheit für ihr eigenes Leben bedeutet.
Cornelia Travnicek setzt in ihrem Roman »Ich erzähle von meinen Beinen« das Leben mit Neurodivergenz sowie die Schwierigkeiten und Herausforderungen von betroffenen Personen in den Mittelpunkt.
Die Protagonistin Wally (Walburga) ist Mitte 40, lebt mit ihrem Mann Matthias und ihrer 11-jährigen Tochter Vallie (Valerie) in einer ruhigen Gegend in Niederösterreich. Sie arbeitet in der Redaktion einer Apotheken-Zeitschrift, nach außen hin, scheint sie ihr Leben gut im Griff zu haben. Nachdem bei Vallie ADHS diagnostiziert wird, wird auch Wallys eigene mentale Gesundheit nach und nach schlechter. Sie wird von Unruhe und Schlafproblemen geplagt, ihre Gedanken springen von einem zum nächsten Thema, sehr häufig beginnt sie spontan neue Projekte, die nicht zu Ende gebracht werden. Jeder stille Moment füllt sich sofort mit inneren Dialogen, Fragen, Zweifeln, bis sie schließlich nicht mehr weiter weiß und die Ärzte ein Burnout erkennen. Auslöser ist hierfür kein einschneidendes Erlebnis, sondern vielmehr der sich immer mehr aufstauende gewöhnliche Alltag.
Aus der Ich-Perspektive Wallys geschrieben, bleibt die Autorin nah an ihren Figuren. Die schnell ineinanderlaufenden und wechselnden Gedanken der Protagonistin werden dabei auch durch formale Mittel unterstrichen. So werden Abschnitte rechtsbündig gesetzt, sobald Wally sich in ihren Gedanken verliert, Stellen fragmentarisch dargestellt und mit Leerstellen ergänzt. Als Leser*in wird die Ermüdung der Protagonistin durch ihr anhaltendes inneres Tempo deutlich spürbar.
Cornelia Travnicek macht Alltagsbeobachtungen, schreibt einfühlsam, aber auch humorvoll über mentale Gesundheit, Mutterschaft und die Herausforderungen des Alltags.
Im Gespräch mit der Moderatorin erzählte sie u.a. von verschiedenen Arten von Neurodivergenz, die gerade bei jungen Mädchen aufgrund atypischer Symptomatiken oft unentdeckt bleiben. Ebenso erläuterte sie, dass durch hormonelle Umstellungen nach Schwangerschaft oder im Zuge der Menopause Symptome noch weiter verstärkt werden können und ging auf den Druck näher ein, den sich die Protagonistin im Roman stets selbst auferlegt.
Moderation: Ines Scholz
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 27. April 2026