Im Mittelpunkt des gestrigen Abends standen zwei Neuerscheinungen aus dem Bücherfrühling, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema Erinnerung auseinandersetzen: der Roman »Wie die Hasen« von Anna Silber, erschienen im Picus Verlag, sowie der Erzählband »Die jüngste Zeit« von Verena Gotthardt, veröffentlicht bei Wallstein.
Der erste Teil des Abends gehörte Anna Silber, die dem Publikum in zwei Lesepassagen die beiden großen Themen ihres Romans präsentierte: einerseits die öffentliche Erinnerungskultur und das Verschwinden der letzten Zeitzeug*innen der Verbrechen der NS-Zeit, und andererseits den Umgang mit der Krankheit Alzheimer.
»Wie die Hasen«, eine Liebeserklärung an die Großmütter der Autorin, nähert sich dem Verbrechen der »Mühlviertler Hasenjagd« aus der Perspektive der Nachgeborenen. Paula, die Großmutter der jungen Ich-Erzählerin Lisa, ist eine der letzten Zeitzeug*innen dieser Gräueltaten; ihre Familie versteckte damals im Februar 1945 einen der 500 aus dem KZ Mauthausen entflohenen Gefangenen. Nun, da Paula an einer schnell voranschreitenden Demenz erkrankt ist, wird eine Frage dringlicher, die auch den Ausgangspunkt von Anna Silbers Romanprojekt bildete: »Was machen wir mit Erinnerung, wenn sie denen entgleitet, auf die wir unsere Erinnerung gestützt haben?«
Im Gespräch forderte die Autorin einen grundsätzlichen Wandel im Umgang mit Gedenken und kollektiver Erinnerung:
Wir sollten grundsätzlich wegkommen von »die Gedenkkultur«, ich glaube, es braucht Gedenkkulturen und Gedankenkulturen. Wir müssen all das auf das Jetzt beziehen anstatt zu sagen: »oh, damals« und »nie wieder«.
Anna Silber
Verena Gotthardts Erzählband »Die jüngste Zeit« enthält acht Erzählungen, die formal sehr unterschiedlich sind, thematisch aber alle die Themen Zeit und Erinnerung behandeln: von der Erinnerung an die Kindheit, über den Ablauf der Jahreszeiten bis hin zum Vergessen, Altern und der Vergänglichkeit aller Dinge und Lebewesen. Ausgehend von Beobachtungen, die festgehalten werden wollen, erschafft die Autorin – die auch Fotografin ist – in einer lyrischen, aber auch sehr visuellen Sprache die Welt als Stillleben. Auffallend ist dabei auch der Blick auf das Kleine, scheinbar Unbedeutende, das in den Mittelpunkt gerückt wird, etwa die Fliegen, die von einer zur nächsten Erzählung surren.
Auf die Mattscheibe schauen, durch die Kamera schauen und warten, bis man so einen Moment hat, den dann mitnehmen, ihn dann herausreißen aus dem was war, ihn isolieren und dann haben als stillen Ort. Aber immer noch die Leute reden hören, die Straßenbahn hören, die Vögel hören. So habe ich mir das vorgestellt wie das ist, wenn ich so vor mich hinschreibe.
Verena Gotthardt
An diesem Abend las die Autorin die Erzählung »Die letzte dünne Schicht«, in welcher eine Ich-Erzählerin gemeinsam mit einem Bekannten durch die Landschaften der Erinnerung spaziert. Schlussendlich erweist sich die »letzte dünne Schicht« als schmilzende Schneeschicht. Der Text zeige, so Verena Gotthardt im Gespräch, »das Leben, wie es ist: man kann es nicht aufhalten, aber man kann es beobachten, man kann zuschauen, noch näher gehen und sehen, wann der Moment kommt in dem der Schnee schmilzt – oder eben auch nicht.«
Moderation: Nicole Kiefer
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 12. Mai 2026