Letzte Woche Freitag, am 19. Juni, fand im wunderbar kühlen Martinskeller der Pfarre St. Martin in Klosterneuburg die Verleihung der Franz Kafka-Preise 2026 statt. Dabei handelte es sich um die zweite Preisverleihung in der »neuen Ära seit der mehr als 20jährigen Pause«, wie Manfred Müller, Präsident der Österreichischen Franz Kafka-Gesellschaft, zu Beginn feststellte. Einleitende Worte sprach des Weiteren Uschi Swoboda, Leiterin der Bibliothek St. Martin, die als Kooperationspartnerin die Räumlichkeiten zur Verfügung stellte.
Wie schon vor zwei Jahren wurde die Summe des Preisgeldes zwischen dem Ministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport und dem Land Niederösterreich geteilt, zudem hatte Letzteres sich heuer dazu bereit erklärt, auch für die Kosten der Preisverleihung aufzukommen. Für die beiden Stifter des Preisgeldes anwesend waren Antonia Rahofer, Leiterin der Abteilung Literatur und Verlagswesen, Büchereien im BMWKMS, die den beiden Preisträger*innen im Namen von Vizekanzler Andreas Babler dankte, und der Abgeordnete zum NÖ Landtag Christoph Kaufmann, der Grüße von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner ausrichtete.

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Christoph Kaufmann © ÖGfL -
Antonia Rahofer © ÖGfL
Österreichischer Franz Kafka-Preis an Olga Flor

Den mit 10.000 Euro dotierten Preis nahm die Grazer Autorin Olga Flor entgegen. Vor der Überreichung der Urkunde durch Christoph Kaufmann, Manfred Müller und Antonia Rahofer war die Literaturkriterin und -wissenschaftlerin Daniela Strigl an der Reihe, die als Mitglied der Jury für den Österreichischen Franz Kafka-Preis die Laudatio auf die Preisträgerin hielt. In dieser, betitelt »Sechs Sinne, sieben Leben, acht Bücher. Laudatio für Olga Flor zum Franz Kafka Preis 2026«, näherte sie sich der Schriftstellerin und ihrem Werk ›in sieben Sätzen von Franz Kafka‹.

Anschließend kam Olga Flor in ihrer Dankesrede auf ihr persönliches Verhältnis zu Franz Kafkas Werk zu sprechen, das nicht immer ein einfaches bewesen sei. Kafkas »Verwandlung« habe sie als 16jährige Schülerin nachhaltig verstört, erst Jahre später, bei der Lektüre von »Das Schloß« habe sie den unheimlichen Kern von Kafkas Beschreibungen, Figuren und Settings fassen können:
»Seine Themen, wie das Stehen vor undurchschaubaren Strukturen, das nicht Ankommen oder nicht Eingelassen-werden, setzen mir zu und erinnern mich nicht selten an meine eigenen Albtraumszenarien. […] Da auch ich gelegentlich von räumlichen Strukturen träume, von Raumfluchten, die mir großes Unbehagen, ja fast schon Panik verursachen, wenn sie im Wachzustand plötzlich aus der Tiefe meines Bewusstseins aufblitzen, können mich solche Beschreibungen verstören. Selbstverständlich kann das kein Argument gegen den Text sein, sondern eher ein Argument für Kafkas Meisterschaft […].«
Olga Flor
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Olga Flor © ÖGfL -
Antonia Rahofer, Olga Flor, Manfred Müller und Christoph Kaufmann © ÖGfL -
Antonia Rahofer, Olga Flor, Manfred Müller © ÖGfL -
Christoph Kaufmann, Antonia Rahofer und Olga Flor © ÖGfl
Odradek – Buchpreis an Hanno Millesi

Nach einem spontanen musikalischen Zwischenspiel auf der Posaune von Bertl Mütter wurde der Wiener Autor Hanno Millesi mit dem heuer zum zweiten Mal vergebenen Odradek – Buchpreis zum Österreichischen Franz Kafka-Preis geehrt, der mit 5.000 Euro dotiert ist. Seine Laudatio teilten sich Manfred Müller, Mitglied der Jury, und Olga Flor, die als Preisträgerin des Österreichischen Franz Kafka-Preises an der Wahl des ›Odradek‹ beteiligt war. In Zusammenarbeit sei Millesis Roman »Zur Zeit der Schneefälle« (Sonderzahl) aus einer Shortlist ausgewählt worden, wobei Olga Flor an dem Text imponiert habe, dass er »auf solch leisen Solen« daherkomme und »ganz nebenbei surreale Elemente« hineinbringe, »die, statt eine Wand darzustellen, ein Loch in der Wand darstellen.« Das Gesamtwerk betrachtend, seien es, so Manfred Müller in einem Vergleich zwischen K. und M., »ähnliche Phänomene, die beide interessieren, ähnliche Figuren, die beide darstellen möchten, ähnliche Traumwelten, Angstzustände, Überforderungsaggregate, zu denen beide die Umgebungen ihrer Protagonisten gerinnen lassen.«

In seinen Dankesworten verwies Hanno Millesi auf den Terminus »writer’s writer« und die Figur Odradek, ein »schwer fassbares Wesen« in Kafkas Text »Die Sorge des Hausvaters«, von dem unklar sei, welche Zwecke es denn eigentlich verfolge und ob es der Außenseiter sein wolle, für den man ihn hält:
Im Laufe der Jahre bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es der Ansatz eines »writer’s writer« vorsieht, um des Schreibens willen zu schreiben und weniger um einer wie immer gearteten Erwartung gerecht zu werden, wobei es keine Rolle spielt, ob eine solche nun zu recht besteht oder nicht. Das verbindet mich mit einem »writer’s writer«, wie Odradek mit Franz Kafka verbunden scheint – sehe ich mein Schreiben doch mit dem Hang zu einer Perspektive sowohl des Betrachtens als auch des Erzählens verbunden, die von Erwartungen gemeinhin verstellt wird.
Hanno Millesi
Abschließend las der Autor eine extra für den Abend leicht adaptierte Version der Anfangssequenz aus seinem mit dem ›Odradek‹ ausgezeichneten Roman.
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Hanno Millesi © ÖGfL -
Christoph Kaufmann, Hanno Millesi, Antonia Rahofer, Manfred Müller © ÖGfL -
Antonia Rahofer, Hanno Millesi © ÖGfL -
Christoph Kaufmann, Hanno Millesi und Antonia Rahofer © ÖGfL -
Bertl Mütter © ÖGfL
Im Anschluss an die Preisverleihung ließen die Gäste den Abend im wunderbaren Garten der Pfarre St. Martin ausklingen.
Die Jury des diesjährigen Preises setzte sich aus Dana Pfeiferová (Germanistin an der Universität Pilsen), Manfred Müller (ÖFKG), Peter Rosei (Schriftsteller und ehemaliger Preisträger des Österreichischen Franz Kafka-Preises), Katharina Strasser (Abteilung Kunst und Kultur des Landes Niederösterreich), Daniela Strigl (Literaturkritikerin) und Norbert Christian Wolf (Germanist an der Universität Wien) zusammen.
Klosterneuburg, 19. Juni 2026
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Daniela Strigl, Dana Pfeiferová, Hanno Millesi, Olga Flor und Manfred Müller © ÖGfL -
Ausklang im Garten © ÖGfL -
© ÖGfL -
© ÖGfL