Letzten Donnerstag durften wir bei vollem Haus zwei Autoren mit ihren Neuerscheinungen bei uns in der Literaturgesellschaft begrüßen: Leopold Federmair »Ein Schrein auf dem Kaufhausdach. Shinto-Gedichte« (Edition Tandem) und Klemens Renoldner »Die Wolken von beiden Seiten gesehen« (Sonderzahl)
Der in Oberösterreich geborene, seit 2023 in Wien lebende Schriftsteller, Kritiker, Übersetzer und Polyglott Leopold Federmair verfasst v.a. Prosa, Essays und Gedichte. In der Edition Tandem ist nun sein vierter Gedichtband »Ein Schrein auf dem Kaufhausdach« aus der sogenannten Japan-Tetralogie erschienen. Die darin versammelten mit japanischen Motiven verflochtenen Gedichte sind anspielungsreich und in unterschiedlicher Form verfasst – kurz, lang oder fragmentarisch – und skizzieren vielfältige Erinnerungen und Begegnungen aus dem japanischen Milieu.
Woran denkt man, wenn man Hiroshima sagt? Vielleicht an den Atombombenabwurf.
Leopold Federmair geht in seinem Lyrikband weit darüber hinaus. Hiroshima wird für ihn zu einem Lebenszentrum, in dem Landschaft, Umgebung, Natur, Kultur und Mentalität Japans literarisch porträtiert werden. Seine Gedichte lassen sich als sprachliche Bilder lesen, die von der existenziellen Bedeutung Japans für den Autor zeugen.
„Ich wollte immer Gedichte schreiben. Gedichte waren für mich immer das Zentrum der Literatur.“
Leopold Federmair
Was macht einen guten Roman aus?
Manfred Müller, der den Abend moderierte, griff auf ein Zitat von Heimito von Doderer zurück:
„Ein Buch ist umso literarischer, je weniger man eine Inhaltsangabe davon machen kann.“
Heimito von Doderer
Ein Satz, der auf den neuen Roman von Klemens Renoldner in besonderer Weise zutrifft.
Mit »Die Wolken von beiden Seiten gesehen« schafft Renoldner ein vielschichtiges Buch, das sich einfachen Zuschreibungen entzieht. Im Zentrum stehen weniger eindeutige Aussagen als vielmehr Perspektiven: auf Realität, auf Wahrnehmung, auf das, was wir für wahr halten. Immer wieder taucht eine Frage auf, die den Roman durchzieht und sich als beharrlicher Grundton erweist: „Was ist Wahrheit?“
Der Text bewegt sich durch unterschiedliche Räume und Themen: Paris, Schubert, Freundschaften, Künstlerleben, Musik, Verwirrungen… Auch formal spiegelt sich diese Offenheit wider, denn Dialoge, Briefe, und Drehbuchformen sind in den Roman eingewoben und überschreiten die Grenzen der Gattung.
Auch der Titel verweist in diese Richtung. Wie der Autor betonte, greift »Die Wolken von beiden Seiten gesehen« einen Song von Joni Mitchell auf. Die Wolken – aus verschiedenen Blickwickeln betrachtet – stehen dabei für die Verschiebung der Perspektiven. Für den Versuch, Klarheit zu gewinnen, der doch nie ganz zum Abschluss kommt.
Moderation: Manfred Müller
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 9. März 2026