Gestern fand ein besonderer Lyrikabend statt, denn es war die in Kiew geborene und in Prag lebende tschechische Autorin, Übersetzerin und Lyrikerin Marie Iljašenko bei uns zu Gast. Moderiert wurde der Abend von Ursula Ebel, während Julia Miesenböck, die Übersetzerin des Lyrikbands aus dem Tschechischen ins Deutsche, die Gespräche konsekutiv dolmetschte.
Im Zentrum des Abends stand der druckfrische Band »Menschen hören überhaupt nur sehr wenig« (Anthea Verlag). Der Mensch ebenso wie Tiere bilden hierbei die zentralen Themen des Buches. Die Autorin beleuchtet in ihrer Lyrik urbane Räume sowohl aus der Perspektive der Menschen als auch jener der Tiere. Die angedeutete Grenze zwischen Natur und Stadt wird dabei immer wieder hintergefragt und teilweise sogar aufgelöst. Die Leser*innen tauchen so in eine urbane Wildnis ein. Gleichzeitig behandelt der Band größere gesellschaftliche Themen wie Machtverhältnisse, historische Verdrängungsprozesse oder die Funktion von Kunst. Die charmanten Illustrationen der ukrainischen Künstlerin Mariko Gelman begleiten die Leser*innen durch den gesamten Gedichtband. In diesem Zusammenhang machte die Autorin besonders auf die Illustration ihres Balkons mit ihrem Kater in der Prager Altstadt aufmerksam.
Im Gespräch mit Ursula Ebel sprach Marie Iljašenko auch über literarische Traditionen sowie über ihre ambivalente Beziehung zur russischen Sprache. Als die achtjährige Marie Iljašenko mit ihren Eltern in die damalige Tschechoslowakei übersiedelte, trat sie zugleich in eine neue Sprachwelt ein, nämlich in die tschechische Sprachwelt. Wie sie berichtete, hatte sie das Russiche zwischenzeitlich beinahe sogar vergessen. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 begann sich Iljašenko intensiver mit der ukrainischen Geschichte auseinanderzusetzen, um die Russifizierungsprozesse in der Ukraine besser verstehen zu können. Dies war schließlich auch der Anstoß, Ukrainisch zu lernen. Mittlerweile fühlt sich die Autorin auch im Ukrainischen wohl und zuhause. Ebenso thematisierte das spannende Bühnengespräch u.a. die tschechische und ukrainische Lyriktradition. So erklärte Marie Iljašenko gegen Ende des Abends, dass sie stets sowohl Prosa als auch Lyrik geschrieben habe und beide Formen als unterschiedliche Ansätze wahrnehme: unvergleichbar miteinander und doch jeweils ein Ausdruck des literarischen Abenteuers.
Zum Abschluss: Frankfurter Buchmesse 2026, die im Herbst stattfinden wird, begrüßt als Gastland dieses Jahr Tschechien. Dadurch werden zahlreiche Bücher und Übersetzungsprojekte der tschechischen zeitgenössischen Literatur gefördert. Marie Iljašenko fügte dazu mit einem Schmunzeln hinzu, dass in Tschechien über diese Möglichkeit derzeit viel gesprochen, aber ebenso viel gestritten werde.
Moderation: Ursula Ebel
Dolmetschen und Übersetzung: Julia Miesenböck
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 20. Mai 2026
Gemeinsam mit CzechLit, Czechia2026 und dem Tschechischen Zentrum Wien