
Gestern Abend durften wir in der Literaturgesellschaft Cornelius Hell, den Erfinder und Kurator der Reihe ›Der gläserne Vorhang‹, sowie seinen Gast Kateryna Mishchenko begrüßen. Die momentan in Berlin lebende ukrainische Essayistin, Übersetzerin und Verlegerin präsentierte den von ihr mitherausgegebenen Band »Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegenwart der Ukraine« (gem. mit Katharina Raabe, Suhrkamp), für den auch sie selbst einen Beitrag verfasst hatte.
Wie im Gespräch mit Cornelius Hell deutlich wurde, war es den Herausgeberinnen wichtig, viele unterschiedliche Perspektiven zu zeigen. Einerseits gehören die Autor*innen der 18 Beiträge unterschiedlichsten Professionen an – sie sind u.a. Schriftsteller*innen, Journalist*innen, Filmemacher*innen, Soziolog*innen, Literatur- oder Kulturwissenschaftler*innen -, andererseits verschiedenen Nationalitäten. Neben den deutschen Autor*innen Aleida Assmann, Susanne Strätling und Karl Schlögel und der aus Russland stammenden Schriftstellerin Alissa Gaijewa stehen viele Stimmen aus der Ukraine. Sowohl Autor*innen, die das Land verlassen haben und als Gastdozent*innen oder Geflüchtete anderswo ihre Arbeit fortführen, als auch jene, die versuchen, in der Ukraine ihren Alltag weiterzuführen, finden Gehör.
Wie die Herausgeberin erzählte, wollten nicht alle, die für einen Beitrag angefragt worden waren, teilnehmen, da andere Aufgaben als dringender empfunden wurden. Doch für die Autor*innen des Bandes war es wohl »eine wichtige Praxis, sich in diesem Krieg beschreiben zu können und weiterdenken zu können, auch mit der neuen Rolle, auch in einer neuen Situation.«
Sie alle berichten aus dem »Nebel des Krieges«, welcher, wie Kateryna Mishchenko erklärt, sich nicht nur über die Ukraine selbst gelegt habe, sondern auch im Ausland zu finden sei. Mit diesem von Carl von Clausewitz stammenden militärischen Begriff, den der Titel des Bandes entlehnt, ist gemeint, dass man »im Krieg – in jedem Krieg – den Anfang genau kalkulieren kann und dann gibt es eine eigene Logik – die Gewalt, wie sie ausbricht, wie sie sich erweitert, das kann man nicht mehr im Griff haben.« Als Teil dieses Nebels bezeichnet die ukrainische Essayistin auch die Wunschvorstellungen der Menschen und die medialen Berichterstattungen, die sehr punktuell seien, aber auf das Gesamtbild projiziert werden.
»Dadurch entsteht ein Unverständnis – was passiert eigentlich, was stimmt, was stimmt nicht? Ist der Feind schwach oder doch stark? Und natürlich haben wir im Land auch unsere eigene Propaganda, denn man muss den Menschen Hoffnung geben bzw. nicht alles sagen, damit sie nicht vorzeitig demoralisiert werden, damit sie nicht aufgeben.«
Kateryna Mishchenko
Indem die Texte des Bandes den Versuch unternehmen, »aus dem Nebel herauszutreten und eine neue Orientierung in der radikalen Realität zu finden«, seien sie, wie Kateryna Mischenko abschließend feststellte, auch als literarische Widerstandsstrategie zu begreifen.
Moderation: Cornelius Hell
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 14. Juni 2023
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Kateryna Mishchenko, Katharina Raabe (Hginnen.): »Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegenwart der Ukraine« (Suhrkamp) ©ÖGfL -
Cornelius Hell ©ÖGfL -
Nicole Kiefer ©ÖGfL -
Kateryna Mishchenko und Cornelius Hell ©ÖGfL -
Kateryna Mishchenko ©ÖGfL