
Gestern Abend durften wir im Rahmen einer Kooperation mit dem Verein Neugermanistik Wien die Germanist*innen Steffen Martus, Daniela Strigl und Norbert Christian Wolf in der Literaturgesellschaft begrüßen. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand Martus‘ neues Buch »Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute« (Rowohlt Berlin), in welchem er das deutschsprachige literarische Feld seit 1989 in den Blick nimmt.
Bei »Erzählte Welt« handle es sich, wie Daniela Strigl feststellte, um eine Literaturgeschichte, die nicht dem Bild der üblichen Literaturgeschichte entspreche – nicht nur, weil das Buch äußerst witzig und sehr gut lesbar verfasst sei und kein Anspruch auf Vollständigkeit gestellt werde, sondern auch, weil eigentlich die Geschichte der Gegenwart als Literaturgeschichte erzählt werde. Den Ausgangspunkt der Analyse bilden also nicht die literarischen Werke, sondern soziologisch-politische Phänomene und Ereignisse, wie etwa die Wende 1989, die Digitalisierung des Buchmarkts seit den 90er Jahren oder die Corona-Krise in den Jahren 2020 bis 2023.
»Wie könnte man die Welt beschreiben, wenn es nur noch literarische Quellen gäbe?«, sei, so Steffen Martus, die Frage gewesen, die am Anfang seines Versuchs der Erforschung einer neuen Perspektive auf die Gegenwart gestanden habe. Diese Quellen betrachtet der Autor weniger aus einer ästhetischen denn aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive, wobei er sowohl »heroische«, plotgetriebene (Massen)-Literatur als auch »postheroische«, alternative Formen in den Blick nimmt. Denn, wie Martus erzählte, gehe es ihm nicht um die Präsentation seiner eigenen Favoriten, sondern darum, auch die Leidenschaften der anderen zu verstehen, die er persönlich nicht nachvollziehen könne, etwa die in den letzten Jahren anhaltende Begeisterung für »New Adult«-Romane. Sein Buch solle auch als »Plädoyer für Pluralität« verstanden werden.
Wenngleich österreichische Autor*innen wie Elfriede Jelinek oder Christoph Ransmayr genannt werden, ist »Erzählte Welt« klar aus einer deutschen Perspektive verfasst. Dennoch habe sich der systematische Wandel, der mit dem Ende der DDR in Deutschland sehr plötzlich eingebrochen sei und fast über Nacht zu einer veränderten Bedeutungswahrnehmung bzw. einem Bedeutungsverlust der Literatur und der Schriftsteller*innen geführt habe, auch in Österreich vollzogen – jedoch, langsamer und später. Schlussendlich seien wir im gesamten deutschsprachigen Raum bei der Frage angelangt, wie sich Literatur unter »postnormalen« Bedingungen verhalte.
Moderation: Daniela Strigl, Norbert Christian Wolf
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 4. Dezember 2025
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Steffen Martus © ÖGfL -
Steffen Martus, Daniela Strigl © ÖGfL -
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Norbert Christian Wolf © ÖGfL -
Norbert Christian Wolf, Daniela Strigl, Steffen Martus © ÖGfL