Florjan Lipuš: »Die Beseitigung meines Dorfes« und »Verdächtiger Umgang mit dem Chaos« (beide Wieser, 1997)
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 25. September 1997
Florian Lipuš liest auf Slowenisch und der Schauspieler und Sänger Max Müller (»Die Rosenheim-Cops«) die deutsche Übertragung.
Florjan Lipuš (geb. 1937 in Lobnik/Lobnig bei Železna Kapla/Bad Eisenkappel in Kärnten) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Dichter im kärntnerischen Sele/Sielach.
»Ich danke Peter Handke, dass er denjenigen hilft, die dafür eintreten, dass den Angehörigen dieser kleinen, aber so begabten Minderheit jenes Recht zuteilwird, dass ihr im formalen Bereich zwar nicht vorenthalten wird, aber dort wo das Recht zum Faktischen wird, nicht immer gewährt wird«, sagte der Bundeskanzler Bruno Kreisky am 31. März 1981 im damaligen Museum des 20. Jahrhunderts (heute: Belvedere 21). An diesem Abend hatte Handke nicht nur Florjan Lipuš und dessen Roman »Der Zögling Tjaž«, sondern auch der Kärntner slowenischen Literatur eine Bühne geboten.
Gemeinsam mit Helga Mračnikar, der ehemaligen Lehrerin der beiden Autoren, hatte Handke das Buch ins Deutsche übersetzt und öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt: Die Teilnahme Kreiskys bei der Buchpräsentation eines Angehörigen der slowenischen Volksgruppe war im Österreich der 1980er Jahre keine Selbstverständlichkeit und hatte große Signalwirkung. Schließlich führte der Erfolg der deutschen Übersetzung von »Zmote dijaka Tjaža« (1972) dazu, dass das Buch im Jahr 1981 auch im österreichischen Verlag Wieser auf Slowenisch veröffentlicht wurde. Damit brachte »Der Zögling Tjaž« einen »Aufschwung der Kärntner slowenischen Literatur […], wie sie ihn davor nicht erlebt hatte« (Janko Ferk).
Als Kind Kärntner slowenischer Eltern geboren, wuchs Lipuš in Südkärnten auf. Im Alter von sechs Jahren erlebte er, wie seine Mutter verhaftet wurde – sie hatte als Partisanen verkleidete Gestapomänner in ihr Haus gelassen und bewirtet, woraufhin sie in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und ermordet wurde. Währenddessen musste sein Vater, ein Holzfäller, in der deutschen Wehrmacht dienen. Nachdem Lipuš das katholische Internat Marianum in Tanzenberg besuchte, studierte er Theologie in Klagenfurt, brach allerdings das Studium ab. Daraufhin war Lipuš von 1960 bis 1998 als Volksschullehrer und -direktor in Leppen/Lepena in Kärnten tätig.
Neben seinem Brotberuf als Lehrer gründete er gemeinsam mit Erik Prunč und Karel Smolle 1960 die Kärntner slowenischsprachige Literaturzeitschrift ›mladje‹ (dt. ›Jungholz‹), die er als Chefredakteur bis 1981 leitete. Da hier neben Lipuš auch Janko Messner, Andrej Kokot und Valentin Polanšek große Teile ihrer Werke veröffentlichten, etablierte sich die Zeitschrift in den 1960er Jahren als Sprachrohr und »zentrale[r] Impulsgeber der modernen slowenischen Literatur in Kärnten« (Mirko Bogataj).
Neben dem »Zögling« zählen »Die Beseitigung meines Dorfes« (1997), »Die Verweigerung der Wehmut« (1989) und »Bostjans Flug« (1997) zu Lipuš’ bekanntesten Werken – alle in deutscher Übersetzung. Dabei kreisen Lipuš’ Texte thematisch immer wieder um die Randexistenz der kärntnerisch-slowenischen Kultur in Österreich und die Erinnerung an die Verhaftung seiner Mutter.
So wie es Lipuš bereits 1981 gelungen war, in der österreichischen Kulturlandschaft für Aufsehen zu sorgen, schaffte er das auch in jüngerer Zeit – wenn auch unfreiwillig.
So sollte er 2016 mit dem ›Großen Österreichischen Staatspreis‹ ausgezeichnet werden. Doch er ging leer aus. Einige Jurymitglieder begründeten das hauptsächlich mit einem Argument: Ein österreichischer Autor müsse auf Deutsch schreiben. Sowohl innerhalb als auch außerhalb Österreichs kam es anschließend zu Diskussion und Kritik.
Zwei Jahre später war es dann soweit: Lipuš erhielt den ›Großen Österreichischen Staatspreis‹. Während die ersten Worte seiner Dankesrede noch slowenisch waren, sprach er dann auf Deutsch weiter und erklärte – in Anlehnung an Ingeborg Bachmanns »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar« – den Anwesenden, unter denen sich auch Peter Handke befand: »Die Muttersprache ist dem Menschen zumutbar.«
In der Literaturgesellschaft trat Florjan Lipuš seit 1986 bislang fünfmal auf. Am 25. September 1997 las er aus den beiden bei Wieser erschienen Romanen »Die Beseitigung meines Dorfes« und »Verdächtiger Umgang mit dem Chaos«.