Am Dienstag Abend war Alois Hotschnig zu Gast in der Literaturgesellschaft. Er las und kommentierte im Rahmen der ›KAFKA.LEKTÜREN‹ Stellen aus Franz Kafkas Tagebüchern. Gemeinsam mit Manfred Müller sprach er über die Funktion des Tagebuchs als Textlabor, möglicher Textantrieb, Initialzündungs-Voraussetzung bzw. -Möglichkeit bei Kafka sowie über dessen Bedeutung für seine eigene literarische Arbeit. Das Publikum war eingeladen, die Textstellen mitzulesen und sich am Gespräch zu beteiligen.
Franz Kafkas Werk ist für Hotschnig ein wichtiger Wegbegleiter. Er vergleicht Kafkas Tagebücher mit einem Wald, in den er »jeden Tag, jede Nacht« hineingehe, und das schon seit sehr langer Zeit. An diesem Abend bildete eine frühe Tagebuchstelle aus dem Jahr 1910 den Ausgangspunkt. Eine Zeit, in der Kafka als Schriftsteller in der öffentlichen Wahrnehmung noch ganz am Anfang stand. Ihn einen Anfänger zu nennen wäre aber dennoch falsch. Bereits seit 1903 schrieb er regelmäßig literarische Texte, die nie publiziert oder fertiggestellt wurden. Und damit begannen auch die dazugehörigen Schreibkrisen, die nun in der ausgewählten Textstelle des Tagebuchs Thema sind.
Kafkas Umgang mit Schwierigkeiten während des Schreibprozesses boten Hotschnig eine Art Orientierung, wie mit ihnen umzugehen sei. »Sie sind wie ein Blick in eine Werkstatt der Möglichkeiten. Arbeitsjournal und Textlabor zugleich«, so Hotschnig. Kafkas Lösungsansatz sei die Methode der Selbstbefragung. »Wiedereinmal mich anzusprechen. Denn darauf antwortete ich noch immer, wenn ich mich wirklich fragte.«, schrieb Kafka 1910 und zog die schriftliche Selbstreflexion vor, um voranzukommen.
»Der grundsätzlich für den Schreibprozess erfolgreiche Rettungsversuch, des Sich-Selbst-Ansprechens im Tagebuch kann zerstörerisch werden, wenn er zu obsessiv wird, und bis hin zum Zusammenbruch führen. Vor diesem Spannungsbogen oder besser vor dieser kafka’schen Ambivalenz muss sein Schreiben gesehen werden.«
(Alois Hotschnig)
Und nichtsdestotrotz fordere sich Kafka immer und immer wieder dazu auf, weiterzumachen und weiterzuschreiben und akzeptiere es, zu scheitern. Dadurch, so empfindet es Hotschnig, würden alle Möglichkeiten wachsen. Um sich dessen zu erinnern, sei er immer wieder zu seinen Tagebüchern, oder Tagesschriften, zurückgekehrt.
Im letzten Abschnitt des Abends konnte noch auf verschiedene Fragen und Anregungen aus dem Publikum eingegangen werden.
Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Österreichischen Franz Kafka Gesellschaft statt.
Moderation & Gesrpäch: Manfred Müller
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 3. November 2026