Als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts gilt Paul Celan (1920-1970), 1920 in Czernowitz im damaligen Rumänien, heute Ukraine, in eine deutschsprachige jüdische Familie geboren. Als 1941 deutsche und rumänische Truppen die Stadt besetzten, wurden der zu diesem Zeitpunkt junge Romanistikstudent und seine Eltern in das örtliche Ghetto gezwungen. Ihm als Einzigem aus seiner Familie gelang es, der Deportation zu entgehen, indem er sich freiwillig zum Arbeitsdienst meldete, welchen er in einem Arbeitslager in der Nähe der Stadt Buzău im Straßenbau leisten musste. Nach der Einnahme von Czernowitz durch die Rote Armee im August 1944 nahm Celan sein Studium wieder auf. 1945 übersiedelte er nach Bukarest, wo er zwei Jahre lang als Übersetzer und Lektor arbeitete.
Schon in Czernowitz und Bukarest hatte Celan Lyrik verfasst. Im Dezember 1947 ging er auf der Suche nach einer Publikationsmöglichkeit für seine Gedichte nach Wien. Dank seines Czernowitzer Mentors Alfred Margul-Sperber lernte er hier Otto Basil, den Herausgeber der Zeitschrift ›Plan‹, kennen, wo er einige Gedichte veröffentlichen konnte. Auch sein erster Gedichtband »Der Sand aus den Urnen« erschien 1948 in Wien. Noch im selben Jahr reiste er nach Paris weiter, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1970 lebte.
Zwar erhielt Celan 1955 die französische Staatsbürgerschaft, dennoch kam er 1959 nochmals nach Wien, „in dem Wunsch, wieder Deutsch zu hören und zu erkunden, ob eine Umsiedlung dorthin möglich wäre.« (Olschner, Leonhard: Das zu Erreichende hieß Wien. Die verfehlte Ankunft Paul Celans. In: Kontinuitäten und Brüche. Österreichs literarischer Wiederaufbau nach 1945. Oberhausen: Athena 2006, S.132)
Bemerkenswert ist, dass Celan als österreichischer Lyriker wahrgenommen wurde, obwohl Rumänien bei seiner Geburt nicht mehr zu Österreich-Ungarn gehörte und er weder zu diesem noch zu einem späteren Zeitpunkt die österreichische Staatsbürgerschaft besessen hatte. Als etwa 1961 infolge der schweren, aber unbegründeten Plagiatsvorwürfe, die die Witwe von Celans Freund Yvan Goll gegen ihn richtete, österreichische Schriftsteller*innen wie u.a. Franz Theodor Csokor, Friedrich Torberg, Heimito von Doderer oder Fritz Hochwälder eine Solidaritätserklärung für Celan unterzeichneten, hieß es in dieser:
»Die unterzeichneten österreichischen Schriftsteller […] wünschen öffentlich zu bekunden, daß sie den in Paris lebenden Österreicher Paul Celan, den Dichter der unsterblichen „Todesfuge“, dessen erster Gedichtband […] in Wien erschienen ist, als einen der ihren betrachten und in jeder Hinsicht für ihn einstehen.«
(ebd., S.131)
Es wundert deshalb nicht, dass auch die Literaturgesellschaft daran interessiert war, den im Ausland lebenden ›österreichischen‹ Autor nach Wien zu holen. So schrieb der ÖGfL-Leiter Wolfgang Kraus im Jänner 1962 an Celan:
»Als eine unserer ersten Unternehmungen wollen wir uns nun die Ehre geben, an Sie, sehr verehrter Herr Celan, die Bitte zu richten, zu erwägen, ob es Ihnen nicht möglich wäre, in nächster Zeit als unser Gast für, sagen wir, 14 Tage nach Wien zu kommen.«
(Wolfgang Kraus an Paul Celan, Brief vom 23. Jänner 1962, ÖGfL-Archiv)
Wie einem Brief an Milo Dor aus dem Jahr 1970, nach Celans Tod, zu entnehmen ist, war dies sogar »der erste Einladungsbrief« (Wolfgang Kraus an Milo Dor, Brief vom 25. Juni 1970, ÖGfL-Archiv) überhaupt, den Kraus nach der Gründung der Literaturgesellschaft verfasst hatte. Celan antwortete einem Wiener Aufenthalt gegenüber nicht abgeneigt, doch der Besuch kam nicht zustande. In den nächsten Jahren richtete die Literaturgesellschaft immer wieder Einladungsschreiben an den Lyriker.
Nach einigen Absagen sah es im Jahr 1968 so aus, als würde er nach Wien kommen, denn Celan hatte für den 2.Oktober 1968 zugesagt:
»Einverstanden mit dem zweiten Oktober – Ich komme gern, lese gern. Ich freue mich auf die Lesung in Wien. […] Für die Lesung bitte ich um einen (einfachen) Tisch – kein Pult! -, einen einfachen Stuhl und, in Reichweite, ein Glas Wasser.«
(Paul Celan an Wolfgang Kraus, Brief vom 23. April 1968, ÖGfL-Archiv)
In seinem Antwortschreiben versicherte Wolfgang Kraus Celan, dass Stuhl, Tisch und Wasser bereitgestellt sein würden, schlussendlich kam aber alles anders. Denn, wie aus einem Brief hervorgeht, den Kraus am 3. Oktober – also einen Tag nach der geplanten Lesung – an Celan sandte, war Celan nie in Wien eingetroffen:
»Ich habe unsere Korrespondenz vor mir, die mir bestätigt, dass Sie uns Ihre Zusage für eine Lesung Ihrer Gedichte am 2. Oktober gegeben haben. […] Wir haben darauf hin mehr als 2.000 Einladungen verschickt, Plakate herstellen lassen, den grossen Saal des Palais Palffy gemietet und mit entsprechenden Mikroanlagen versehen lassen. […] Wir warteten […], da wir von Ihnen keine Absage erhalten hatten, bis zum letzten möglichen Termin, d.h. 7 Uhr abends am 2. Oktober. Um diese Zeit waren etwa 500 Personen angemeldet und viele warteten schon im Saal und in den Foyers. Wir mussten unseren Gästen mitteilen, dass Sie, ohne eine Absage zu schicken, nicht eingetroffen seien.«
(Wolfgang Kraus an Paul Celan, Brief vom 3. Oktober 1968, ÖGfL-Archiv)
Der Abend wurde also buchstäblich in letzter Minute abgesagt. Paul Celan antwortete wenige Tage später, am 7. Oktober:
»herzlich möchte ich Sie und alle jene, die mir ihre Aufmerksamkeit zugedacht hatten, bitten, mein Nichtkommen zu entschuldigen. Bis zuletzt hatte ich gehofft, meine Verpflichtung einhalten zu können, aber die Überanstrengung war grösser, als ich gedacht hatte. Nehmen Sie bitte diese wenigen Worte statt der vielen, die hier stehen müssten. Ich hoffe, es kommt ein Tag und ich kann bei Ihnen Gedichte lesen.«
(Paul Celan an Wolfgang Kraus, Brief vom 7. Oktober 1968, ÖGfL-Archiv)
Dieser Tag kam nicht mehr, denn am 1. Mai 1970 wurde Celans Leichnam aus der Seine geborgen. Es wird angenommen, dass er sich am 20. April am Pont Mirabeau in Paris in den Fluss gestürzt hatte.
Heute ist Celan neben Goethe oder Kafka »auch in internationaler Hinsicht einer der wohl am intensivsten wahrgenommenen Dichter deutschsprachiger Weltliteratur« (May, Markus et al [Hrsg.]: Celan-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart: Metzler 2017, S.374). Sein Werk umfasst u.a. die Gedichtsammlungen »Mohn und Gedächtnis« (mit dem vielbeachteten Gedicht »Todesfuge«, 1952), »Von Schwelle zu Schwelle« (1955), »Sprachgitter« (1959) und »Die Niemandsrose« (1963).
Ihm zu Ehren errichtete die Literaturgesellschaft am 6. Juni 1992 eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Saksahanskoho St.5 in Czernowitz. Da im Jahr 2007 Edit Gubermann, ein Cousin des Dichters, darauf aufmerksam machte, dass die Familie im benachbarten Haus – in der heutigen Nr.3; der Fehler war passiert, weil die Numeration der Häuser in Celans Kindheit anders gewesen war – gewohnt habe, wurde die Tafel umgehängt.
Ebenfalls seit 1992 erinnert in der Holovna Str. 111 ein von dem Bildhauer Iwan Salewyč angefertigtes Denkmal an den Dichter.
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Gedenktafel, Aufnahme 2021 © Natalie Panchuk -
Gedenktafel am (richtigen) Geburtshaus Celans, Aufnahme 2021 © Natalie Panchuk -
Gedenktafel am (richtigen) Geburtshaus Celans, Aufnahme 2021 © Natalie Panchuk -
Gedenktafel am (falschen) Geburtshaus Celans, Aufnahme Anfang der 1990er Jahre © ÖGfL -
Gedenktafel am (falschen) Geburtshaus Celans, Aufnahme Anfang der 1990er Jahre © ÖGfL -
Celan-Denkmal, Aufnahme 1992 © ÖGfL