Gestern fand ein besonderer Abend in der Literaturgesellschaft statt, denn Radka Denemarková, die »Grande Dame« der tschechischen Literatur, las das erste Mal aus der deutschen Ausgabe ihres neuen Romans »Schokoladenblut«, erschienen bei Hoffmann und Campe. Wie Moderator Ludger Hagedorn eingangs feststellte, schließe sich dank der Wiener Premiere ein Kreis, denn das Buch, das auf Tschechisch 2024 veröffentlicht wurde, entstand zu Teilen im Jahr 2023 während eines Wiener Aufenthalts der tschechischen Autorin. Zwar spiele Wien in dem Buch gar keine Hauptrolle, aber durch die Hintertür gehe »im Endeffekt alles um Wien«.
Motivisch durch den Roman zieht sich, wie schon das Cover der deutschsprachigen Ausgabe deutlich macht, der Zug. Eingeteilt ist »Schokoladenblut« nicht in Kapitel, sondern in 53 »Stationen«, die wiederum in 10 großen »Weichenstellungen« bzw. »Umsteigstationen« gefasst sind. In diesen verfolgen die Leser*innen parallel die Perspektive dreier zentraler Figuren, die jeweils auch für verschiedene Gebiete stehen: Božena Němcová, Ikone der tschechischen Literatur, für die Habsburgermonarchie, ihre französische Kollegin George Sand für Frankreich und die Ideen der Aufkärung sowie der damals reichste Mensch auf Erden J. D. Rockefeller, der auch die Mentalität der Oligarchen verkörpert, für die USA.
Thematisch kehren Motive wieder, die wir schon aus früheren Büchern von Radká Denemarkova kennen: das Böhmische und die deutsch-jüdisch-tschechische Geschichte, die systemische Gewalt des Patriarchats, die Zerstörungskraft des Kapitalismus und der Nationalismus. Doch während die Autorin bislang das 20. Jahrhundert durchleuchtete, wollte sie, wie sie im Gespräch erzählte, dieses Mal an die Anfänge der Probleme stroßen:
»Ich wollte über das 19. Jahrhundert schreiben, aber ich wollte auch über unsere Probleme, die Krankheiten unserer Zeit sprechen.«
Eingerahmt wurde das Gespräch mit Ludger Hagedorn von Lesungen zu Beginn und am Ende des Abends, wobei sich die Autorin und der Moderator abwechselten. Darüber hinaus war ganz zum Schluss des offiziellen Teils noch eine tschechische Besonderheit zu erleben: eine Buchtaufe, die allerdings nicht wie sonst in Tschechien üblich mit Sekt durchgeführt wurde, sondern mit Safran, der für Radka Denemarková eine besondere Rolle spielt. Nach der »Safrantaufe« teilte die Autorin »Schokoladenblut« in Form von Schokolade an das Publikum aus, ebenfalls wurde noch mit dem ein oder anderen Glas Sekt auf die Premiere angestoßen.
Moderation: Ludger Hagedorn
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 10. Juni 2026
Gemeinsam mit dem Institut für die Wissenschaft vom Menschen
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Radka Denemarková © ÖGfL -
Radka Denemarková und Ludger Hagedorn bei der »Safrantaufe« © ÖGfL -
Das gerade mit Safran »getaufte« Buch © ÖGfL -
Radka Denemarkova und Ludger Hagedorn © ÖGfL -
Ursula Ebel, Radka Denemarková © ÖGfL -
© ÖGfL -
Radka Denemarková beim Büchersignieren © ÖGfL