Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wäre im Juni 2026 100 Jahre alt geworden. Zum Start des großen Jubiläumsjahrs fand gestern in der Literaturgesellschaft ein Abend mit Dörte Lyssewski und Martina Wörgötter-Peck statt, der ihr gewidmet war.
Im Zentrum der Veranstaltung stand ein zentraler Text Ingeborg Bachmanns, der aus ihrem sonstigen Werk herausfällt: ihre Rede für den ›Büchner-Preis‹ 1964, die den Titel »Deutsche Zufälle« trug und im Jahr darauf in einer überarbeiteten Fassung als »Ein Ort für Zufälle« im Wagenbach Verlag veröffentlicht wurde. Den selben Titel trägt der Band, der 2025 im Rahmen der ›Salzburger Bachmann-Ausgabe‹ bei Suhrkamp erschien und der neben Bachmanns Dankesrede ein umfassendes Nachwort und einen großen Kommentarteil von Herausgeberin Martina Wörgötter-Peck enthält.
In ihrem Vortrag sprach die Kunst- und Literaturwissenschaftlerin Martina Wörgötter-Peck u.a. über die biografischen Hintergründe Bachmanns, die sich 1964 kurz nach der Trennung von Max Frisch in einer labilen Phase befand. Der während eines Berlin-Aufenthalts entstandene Text, der die Themenkomplexe Krankheit und Wahnsinn in den Vordergrund stellt, kann als Ausdruck der persönlichen Krise gelesen werden, jedoch wäre es, wie Wörgötter ausführte, zu einfach, ihre literarische Arbeit nur daraus zu erklären. In einer besonderen Sensibilisierung für den »gestörten Ort« setzte die Autorin sich intensiv mit den Bedingungen der geteilten Stadt und ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation auseinander.
Indem es Bachmann gelang, sich aus der Krise »hinauszuschreiben«, markiert »Ein Ort für Zufälle« einen schriftstellerischen Neubeginn. Ihre nächste selbstständige Publikation sollte »Malina« Anfang der 70er Jahre sein – die freigesetzte Energie führte also, so Wörgötter, »unmittelbar in die Todesarten hinein«. Des Weiteren stellt der Berlin-Text ein Verbindungsglied zur Lyrik her. So enstand in dieser Zeit etwa auch das berühmte Gedicht »Böhmen liegt am Meer«, dem Wörgötter-Peck eine Verwandtschaft zur Preisrede konstatiert.
Den Vortragsteil umrahmend und durchbrechend, las die Burgtheaterschauspielerin, Lyrikerin und Übersetzerin Dörte Lyssewski Passagen aus »Ein Ort für Zufälle« sowie das Gedicht »Böhmen liegt am Meer«.
Anschließend an Martina Wörgötter-Pecks und Dörte Lyssewskis fein abgestimmte Komposition aus ineinanderverzahnten Vortrags- und Leseteilen wurde dem Publikum in einem von Manfred Müller moderierten Gespräch die Möglichkeit geboten, Fragen zu stellen.
Die Veranstaltung komplementierte eine kleine Ausstellung von Fotografien von Geribaldi Schwarze, die Ingeborg Bachmann zeigen und in Rom in den späten 60er und frühen 70er Jahren aufgenommen wurden. Diese stammen aus dem Nachlass der Bachmann-Forscherin Inge von Weidenbaum und wurden der Literaturgesellschaft dank der Vermittlung von Elke Atzler vermacht.
Moderation: Manfred Müller
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 29.1.2026