Gestern Abend fand wieder einmal eine Ausgabe von Brigitte Schwens-Harrants Werkstattgesprächsreihe ›Werk.Gänge‹ statt. Zu Gast war die Schriftstellerin Maja Haderlap, die auf Deutsch und Slowenisch publiziert. Wie alle Gesprächspartner*innen hatte sie im Rahmen der Reihe drei Bücher im Gepäck dabei, die exemplarisch für ihr Schaffen stehen: die Lyrikbände »Gedichte/Pesmi/Poems« (1998) und »langer transit« (2014) sowie ihr neuestes Werk, den Roman »Nachtfrauen« (2023).
Wie Maja Haderlap erzählte, habe sie schon in ihrer Schulzeit in Kärnten mit dem Schreiben von Gedichten begonnen, ihre ersten, auf Slowenisch verfassten Lyrikbände wurden während ihres Studiums der Theaterwissenschaften in Wien veröffentlicht. Da sie mit slowenischer Literatur sozialisiert worden sei und die Lyrik dort eine viel wichtigere Rolle spiele als die Prosa, sei es für sie selbstverständlich gewesen, Lyrik zu schreiben. Dabei sei für Haderlap, die 1988 über die Grundzüge der slowenischen Kulturpolitik in Kärnten in der Nachkriegszeit und deren Einfluss auf das slowenische Laienspiel dissertierte, auch in den Gedichten immer eine politische Komponente dabei gewesen.
1998 erschien der dreisprachige Gedichtband »Gedichte/Pesmi/Poems«, ein Dialog mit der slowenischen Lyrik, der aber auch ihre Auseinandersetzung mit dem Deutschen, Haderlaps Studien-und Alltagssprache, reflektiert. Wie die Schriftstellerin sich im Gespräch erinnerte, habe das Deutsche »schon gearbeitet«, sodass schlussendlich nicht nur auf Slowenisch verfasste Gedichte im Original sowie in deutscher und englischer Übersetzung, sondern auch ihre ersten auf Deutsch verfassten Gedichte in dem Band zu finden sind.
Der Sprachwechsel habe sich jedoch nicht plötzlich vollzogen, Haderlap habe langsam begonnen, Notizen auf Deutsch zu verfassen. Als sie den »Engel des Vergessens« 2011 schließlich auf Deutsch publizierte, habe es durchaus Vorwürfe gegeben, das Slowenische »verraten« zu haben. »Ich kenne niemanden, der sich so oft rechtfertigen musste, warum er einen Text, der eh für alle wichtig war, in einer Sprache geschrieben hat, die eh alle lesen, verstehen und rezipieren«, so Haderlap. Diese Erfahrungen seien auch in den Gedichtband »langer transit« (2014) eingeflossen, ein Buch, in dem das Thema des dauerenden Übergangs prägend ist.
Viele der Themen und Fragestellungen, die schon in den Gedichten anklingen, werden in dem Roman »Nachtfrauen« (2023) gebündet, etwa das Schweigen der Frauen. Haderlaps Protagonistin Mira, die vor den traumatischen Erlebnissen aus der Kindheit flieht, glaubt, frei zu sein, wenn sie die Sprache weglässt, dies stellt sich jedoch als Trugschluss heraus. Ihre Mutter Anni ist eine typische Vertreterin jener Generation, mit der jene Haderlaps aufgewachsen ist: hart arbeitend, katholisch. Wenngleich sie, etwa in Gebeten, über eine Sprache und dank der katholischen Dogmen über eine gefestigte Identität verfügt, hat sie keine Sprache für sich selbst.
Moderation und Gespräch: Brigitte Schwens-Harrant
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 16. Dezember 2025
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Ursula Ebel, Maja Haderlap und Brigitte Schwens-Harrant in der Literaturgesellschaft ©ÖGfL -
Maja Haderlap ©ÖGfL -
Brigitte Schwens-Harrant ©ÖGfL