Am Samstag war die Grande Dame der zeitgenössischen italienischen Literatur Dacia Maraini im Rahmen der Buch Wien zu Gast in Wien. Nach einem Auftritt auf der Messe selbst am Nachmittag gehörte der Abend der Präsentation der deutschsprachigen Übersetzung ihres neuen Buchs »Vita mia«, die in Kooperation der ÖGfL mit dem Folio Verlag und dem Instituto Italiano di Cultura di Vienna im wunderschönen und bis auf den letzten Platz vollbesetzten Festsaal des Kulturinstituts im 3. Bezirk stattfand.
»Vita mia«, auf Deutsch unter dem Titel »Ein halber Löffel Reis« im Folio Verlag erschienen, erzählt von Dacia Marainis eigener Kindheit, die die heute 89-jährige Autorin teilweise in einem japanischen Internierungslager verbrachte. Ihre Eltern gehörten einer kleinen italienischen Community in Japan an, die sich 1943 weigerte, den Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan anzuerkennen – und daraufhin interniert wurde. Gemeinsam mit ihrer Familie und 13 weiteren Personen lebte die damals siebenjährige Dacia zwei Jahre lang in dem Lager. Da für die Kinder keine eigene Essensration vorgesehen war, mussten die Erwachsenen jeweils einen halben Löffel Reis abgeben.
Im Gespräch mit Andreas Pfeifer, der den Abend nicht nur moderierte sondern auch dolmetschte, erinnerte Dacia Maraini sich an die ständigen Begleiter in der Zeit im Lager, die Angst und den Hunger, aber auch an die mutigen Entscheidungen ihrer Eltern. Diese haben ihr, so die Schriftstellerin, das Durchhalten und die Kunst des Überlebens gelernt. Auch für ihre Liebe zur Literatur und Dichtung sei das Lager die Initialzündung gewesen.
Wie Dacia Maraini erzählte, habe sie schon viele Jahre lang versucht, dieses persönliche Buch zu schreiben. Erst die aktuelle düstere weltpolitische Situation, durch die das Thema leider von größter Aktualität gezeichnet ist, habe sie schlussendlich dazu genötigt, »Vita mia« fertigzustellen. Die Autorin sprach über die heilende Wirkung des Schreibens und des damit verbundenen Erinnerns und stellte fest, dass das »Wachhalten des Gedächtnisses« als »Form des Widerstands« zu begreifen sei.
Nach dem Gespräch und einer zweisprachigen Lesung, die das begeisterte Publikum mit Standing Ovations goutierte, beantwortete Dacia Maraini Fragen der vorwiegend italienischsprachigen Besucher*innen und signierte Bücher.
Begrüßung: Nicola Locatelli, Ursula Ebel
Moderation, Dolmetsch: Andreas Pfeifer
Gemeinsam mit dem Italienischen Kulturinstitut und dem Folio Verlag im Rahmen der Buch Wien
Instituto Italiano di Cultura di Vienna, 15. November 2025
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Andreas Pfeifer und Dacia Maraini © ÖGfL -
Dacia Maraini © ÖGfL -
Andreas Pfeifer © ÖGfL -
Dacia Maraini © ÖGfL -
Ursula Ebel © ÖGfL -
Ursula Ebel und Nicola Locatelli © ÖGfL -
Nicola Locatelli, Marialuise Thurner, Dacia Maraini, Andreas Pfeifer, Ursula Ebel, Ludwig Paulmichl © ÖGfL