Gestern Abend präsentierte Anna Baar ihren neuen Roman »Amseln« (Wallstein) bei uns in der Literaturgesellschaft. Wie Manfred Müller in seiner Einleitung erklärte, ist das Buch sehr vielschichtig und somit nicht einfach zusammenzufassen und nachzuerzählen, vielmehr sei es »hohe Kunst«.
Am Beginn des Textes findet sich ein mysteriöser Koffer, mit einem Nachlass, der vor einer Haustür steht. Ein ominöser Herausgeber vermittelt die sich darin befindenden 30 nie verschickten Briefe, die zwischen Herbst 2022 und Weihnachten 2023 geschrieben wurden, sowie eine Vielzahl von Notizen. Elda Vera, die Autorin dieser Texte, berichtet darin von ihrem Leben, es bleibt jedoch stets offen, ob die beschriebenen Geschichten wahr sind. Ihr Leben erscheint wie ein Abstieg, von ihrer Position als Oberärztin führt sie die erfolglose Suche nach Nähe und Liebe zu einer gerichtlichen Veurteilung, zu einem Berufsverbot und zu Einsamkeit. Dennoch weiß sie immer genau was sie macht und wie sie sich selsbt präsentieren möchte.
Anna Baar thematisiert in ihrem Roman u.a. Themen wie Einsamkeit und eine unerreichbare Liebe, die immer wieder zu kleineren und größeren Katastrophen führt. Wie der Titel bereits anklingen lässt, sind auch Vögel allgegenwärtig, so sind auch Männernamen nach Vögeln ausgewählt. Die Autorin versammelt in ihrem Buch außerdem eine Reihe an Erklärmodellen für Elda Veras Abstieg und Lösungsansätzen, wie die Protagonistin einen Wiederaufstieg angehen könnte.
Im Gespräch mit Manfred Müller erklärt Anna Baar, sie möge keine Gewissenheiten in ihren Romanen, dies spiegle sich auch durch die Figur des Herausgeber und Erzählers wieder. Die Frage nach Erinnerung und v.a. wie man sich erinnert und wie Erinnerungen erzählt werden können, spielt in ihrer Literatur stets eine große Rolle. So erklärt sie, »die Erinnerung ist etwas sehr unzuverlässiges und die lineare Erzählung spielt mit dem Leben nicht überein, weil das Leben nie einem Plot folgt. Aus dem Leben kann man immer nur Momenete greifen und das tut die Figur (Elda Vera) auch.« Wie sie ergänzt, reize sie das experimentieren mit fragmentarischem Erzählen und interessiere sie genauso sehr, wie die Geschichte selbst. Es ist ein Spiel mit der Romanstruktur und dem Text – so verwebt sie sich als Autorin selbst auch in die Geschichte, indem der Erzähler eine Wette mit ihr abschließt –, den Figuren, der Wahrheit und somit auch den Leser*innen.
Einen Eindruck in das Buch erhielt das Publikum ebenso durch drei Lesepassagen, die die Autorin im Laufe des Abends las.
Moderation: Manfred Müller
Österreichische Gesellschaft für Literatur, 24. September 2026